Elemente der Novela Picaresca in Cervantes' Novelle " Rinconete und Cortadillo"

June 13, 2018 | Author: Philip Norten | Category: Documents


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Freie Universität Berlin Institut für Romanische Philologie Wintersemester 2017/2018 Prof. Dr. Joachim Küpper Proseminars „Cervantes' Novelas Ejemplares“

Elemente der Novela Picaresca in Cervantes' Novelle „Rinconete und Cortadillo“

Philip Norten [email protected] Matr. Nummer 5019337 Bachelor mit Option Lehramt Philosophie/Ethik (Kernfach), Spanisch (5. Fachsemester)

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1. Einleitung

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2. „Rinconete und Cortadillo“ und das Genre der Novela

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picaresca“ 2.1. Zentrale Merkmale der „Novela picaresca“

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2.2. Elemente der Novela picaresca in „Rinconete und

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Cortadillo“ 2.2.1 Einflüsse auf inhaltlicher Ebene

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2.2.2. Einflüsse auf formaler Ebene 3. „Rinconete und Cortadillo“ innerhalb des Novellenzyklus

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4. Konklusion 5. Literatur

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1. Einleitung Im Rahmen des Proseminars „Cervantes' Novelas ejemplares“ wurde eine Auswahl der Novellen besprochen, die deren thematische Bandbreite deutlich machte. Zugleich wurde analysiert, welche Themen und Vorbilder Cervantes beim Verfassen beeinflusst haben könnten. Eines der Themen, das in mehreren Novellen wiedergefunden werden konnte, war der Einfluss der Novela picaresca auf Cervantes' Arbeiten, hier besonders auf die Novellen „El licenciado de vidiera“, „El coloquio de los perros“ und „Rinconete und Cortadillo“. Die vorliegende Arbeit soll sich auf die Novelle „Rinconete und Cordadillo“ konzentrieren, die sich am eindeutigsten dem Genre der picaresca zuordnen lässt. Zu Beginn sollen ganz kurz zentrale Merkmale der Novela picaresca herausgearbeitet werden und im anschließenden Hauptteil der Arbeit untersucht werden, wie Elemente der Novela picaresca „Rinconete und Cortadillo“ inhaltlich und formal beeinflusst haben. Im letzten Teil sollen schließlich Gemeinsamkeiten mit anderen Novellen des Zyklus aufgezeigt werden und dabei die Rolle von „Rinconete und Cortadillo“ herausgearbeitet werden. Dieser Teil musste aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit geringer ausfallen als beabsichtigt. Auch für eine Diskussion des Realismusbegriffes, der sich bei dieser Novelle anbietet und zugleich ein weites Feld öffnen würde, fand sich leider kein Platz.

2. „Rinconete und Cortadillo“ und das Genre der Novela picaresca“ 2.1. Zentrale Merkmale der „Novela picaresca“ Zentrale Merkmale der Novela picaresca sind ihre Erzählperspektive und ihr Realismus: Ein scheinbar realer, zeitgenössischer Ich-Erzähler, der sog. "Picaro" aus der sozialen Unterschicht, erzählt rückblickend seine Lebensgeschichte. Die Figuren der Picaroromane werden nicht idealisiert, sondern der Realismus der beschriebenen Ereignisse ist oft hart, weshalb der deutsche Begriff des Schelmenromans heute als unzutreffend für diese literarische Gattung angesehen wird.1 Hauptwerk des Genres ist der Roman „Lazarillo de Tormes" (1554, Autor unbekannt)2: es 1 Hans-Jörg Neuschäfer (Hrsg.): Spanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2011, S. 133-140; Hartmut Köhler: Nachwort, S. 179-195; in: Hartmut Köhler (Hrsg.): Lazarillo de Tormes, Stuttgart 2006 2 Hartmut Köhler (Hrsg.): Lazarillo de Tormes, Stuttgart 2006

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ist das erste Werk der Gattung und legte die Struktur für nachfolgende Werke fest. In Form eines Briefes erzählt der Ich-Erzähler, Lazaro de Tormes, einem unbekannten Nobelmann von seinem bisherigen Leben. Dem Brief vorangestellt ist ein Prolog, in dem Lazaro erklärt, dass er seinen Lebensbericht als Rechtfertigung für die Verfehlungen seiner Jugend versteht. Gegliedert wird der Bericht in sieben Traktate, beginnend mit seiner Geburt und entsprechend der Anzahl an Herren, denen Lazaro diente. „Lazarillo de Tormes“ war ein großer Erfolg, was die Vielzahl der Ausgaben belegt, die gedruckt wurden. Aufgrund seiner scharfen Gesellschaftskritik wurde das Buch jedoch schon 1559 auf den Index gesetzt und erschien ab 1573 nur noch in einer zensierten Form (El „Lazarillo" castigado).3 Wichtigstes Nachfolgewerke des „Lazarillo“ ist „Guzmán de Alfarache“ (Teil I: 1599, Teil II: 1604) von Matteo Alemán. Dieses Werk war ein noch größerer Erfolg als der „Lazarillo" (32 Auflagen in 20 Jahren) und wurde bereits 1615 ins Deutsche übersetzt. Vermutlich als Folge der Zensur des „Lazarillo" werden im „Guzmán“ die Moralkonventionen der Zeit strenger eingehalten und der Roman erscheint weniger gesellschaftskritisch.4 So sind den Verfehlungen des picaro Guzmán antithetisch stets die prinzipienfeste Kommentare des reuigen Sünders Guzmán aus seiner späteren Betrachtung gegenübergestellt. Es ist sicher, dass Cervantes die Hauptwerke des Picarogenres wie den „Lazarillo de Tormes“ und „Guzmán de Alfarache“ kannte. Cervantes erlaubt sich sogar einen Kommentar zum „Lazarillo", indem er dieses Hauptwerk der spanischen Literatur im ersten Teil des Don Quijote (Kapitel 22) direkt erwähnt, womit Cervantes wohl seine Respekt vor diesem Werk ausdrücken wollte.5

2.2. Elemente der Novela picaresca in „Rinconete und Cortadillo“ 2.2.1 Einflüsse auf inhaltlicher Ebene Schon auf den ersten Seiten der Novelle wird der Bezug von „Rinconete und Cortadillo“ zur Novela picaresca überdeutlich.6 Die genaue Ortsangabe der Handlung, „en la venta del

3 Neuschäfer, S. 135 4 Neuschäfer, S. 137 5 Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote de la Mancha, Real Academia Española (Hrsg.), Madrid 2004 6 José Antonio Calzón García: El Lazarillo a ojos de Cervantes – reformulaciones del molde picaresco en Rinconete y Cortadillo; in: Lemir - Revista de Literatura Española Medieval y del Renacimiento, 2016, S 490

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Molinillo“7, dient dabei gleich zu Beginn der Authentifizierung des Geschehens. Genau wie die späteren Ortsangaben in Sevilla (Puerta de la Aduana, Plaza del Pan, u.a.) entsprechen sie realen Ortsangaben der damaligen Zeit und ermöglichen es so dem Leser die gesamte Handlung als 'wahr' zu betrachten. Das Treffen der beiden Protagonisten am Wegesrand der Straße von Madrid nach Sevilla wird begleitet von der Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung und Kleidung. Noch vor der Schilderung ihrer Biographie wird kein Zweifel an der Klassenzugehörigkeit der beiden Protagonisten gelassen, wenn ihre armselige Kleidung, ihre Bewaffnung „media espada, un cuchillo de amarillas“8 und ihre sonnengegerbte Haut „los dos quemados del sol“9 beschrieben wird. Die gesamte weitere Novelle spielt sich in der Klasse der sozialen Unterschicht ab, wenn Rinconete und Cortadillo in Sevilla später Zugang zum Verbrechersyndikat des Monipodio erhalten und dort auf Diebe, Erpresser, Zuhälter und Prostituierte treffen. Im Gegensatz zum „Lazarillo de Tormes“ war das Leben in der untersten sozialen Schicht den Hauptfiguren in Cervantes' Novelle nicht vorherbestimmt: der Vater Cortados ist Schneider und der Vater Rincons war Ablasshändler, beides Berufe mit geringem sozialen Prestige, jedoch gesicherte Existenzen.10 Beide jungen Männer entschieden sich jedoch ihre Familien zu verlassen und sahen sich so schnell gezwungen kriminelle Wege einzuschlagen u.a. durch betrügerische Kartenspiele. Das Leben beider steht nicht nur unter der Bedrohung der Festnahme durch die städtischen Behörden (Rinconete war bereits in Madrid im Gefängnis, Cortado entging diesem in Toledo), sondern wird auch durch die Präsenz des Hungers geprägt.11 Der Hunger dominierte das Leben der Armen und ist gerade im „Lazarillo" zentrales Motiv des gesamten Romans. Das kriminelle Handeln der Hauptfiguren als Charakteristikum der Novela picaresca wird gleich zu Beginn von „Rinconete und Cortadillo“ Thema, wenn die beiden jungen Männer nach ihrem Freundschaftsbekenntnis und dem Plan den künftigen Weg gemeinsam zu bestreiten einen Gast der Herberge beim Kartenspiel um Geld betrügen.12 Anschließend gelangen die beiden Freunde mit einer Reisegruppe nach Sevilla. Die Wahl dieser Stadt als 7 Miguel de Cervantes Saavedra: Rinconete y Cortadillo; in: Miguel de Cervantes Saavedra, Harry Sieber (Hrsg.): Novelas Ejemplares I, Madrid 2016, S. 203 8 Rinconete y Cortadillo, S. 207 9 Rinconete y Cortadillo, S. 207 10 Der Beruf des Ablasshändlers ist zugleich deutlicher Bezug zum „Lazarillo" de Tormes. Traktat 5 11 Rinconete y Cortadillo, S. 209-212 12 Rinconete y Cortadillo, S. 212

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Handlungsort für eine Picaro Novelle wird von Cervantes klar beabsichtigt gewesen sein, da die damals größte Handels- und Hafenstadt Spaniens auch Zentrum krimineller Energien war und damit Zentrum zahlreicher Picaroromane u.a. des Guzmáns. In Sevilla angekommen beschließen Rinconete und Cortadillo dem Beruf des Mundschenkes nachzugehen, jedoch gleich mit kriminellen Hintergedanken.13 Ihr erster Raub, Cortado stiehlt das Geld seines ersten Kunden, wird jedoch beobachtet von einem Handlanger Monipodios, dem Führer eines großen Verbrechersyndikates („cofradía“ oder auch „congregación“). Die beiden Freunde werden zum Haus Monipodios geführt um dort mit den Regeln der Gruppe bekannt gemacht zu werden. Beide zeigen sich erstaunt darüber, dass das Verbrechen in Sevilla nach strengen Regeln (denen des Monipodio) erfolgt. Dieses Erstaunen vergrößert sich noch, als ihnen klar gemacht wird, dass sich Monipodios Gruppe auch als religiös definiert und ihr kriminelles Handeln nicht im Widerspruch dazu sieht. Cortado: „Cosa nueva es para mí que haya ladrones en el mundo para servir a Dios y a la buena gente.“14 Die Ironie dieser Tatsache – die ehrlich verstandene, jedoch oberflächliche Religiosität der Kriminellen im Widerspruch zu ihren Handlungen – wird noch einige weitere Male deutlich, u.a. wenn eine Kriminelle aus der Gruppe die Bedeutung eines Heiligenbildes deutlich macht. Das Mittel der Ironie war auch aus anderen Picaroromanen bekannt und trug im „Lazarillo de Tormes“ auch komische Züge, u.a. wenn die naive Dorfbevölkerung im 5. Traktat von dreisten Ablasshändlern betrogen wird. Sicher trug diese Ironie und Komik auch zur Popularität der Gattung bei (die zahlreichen Auflagen und Werke der Gattung sind ein Beweis) und waren für Cervantes ein Grund sich in diesem Literaturgenre zu probieren. Im Hause Monipodios angelangt werden Rinconete und Cortadillo diesem vorgestellt. Beide Jungkriminelle verzichten darauf von ihrer Herkunft zu berichten und werden trotz ihrer geringen Vorkenntnisse in der Gruppe aufgenommen. Monipodio gibt den beiden dabei auch ihre neuen Namen (aus Rincon wird Rinconete aus Cortado Cortadillo), was ihn, zusammen mit seinem freundlichen Verhalten den beiden gegenüber, eine fast väterliche Rolle einnehmen lässt. Der größte Teil der Novelle spielt sich nun im Hause Monipodios ab.15 Verschiedene Mitglieder der Gruppe treten auf und berichten von ihren Verbrechen, wie Erpressung, Prostitution und Einbruch. Zwischenzeitlich werden die Kriminellen auch vom „alcalde de 13 Rinconete y Cortadillo, S. 215-217 14 Rinconete y Cortadillo, S. 222 15 Rinconete y Cortadillo, S. 222-256

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la justicia“ besucht, was Zeugnis abliefert über die Bestechlichkeit der Stadtpolitik.16 Festgehalten werden alle diese Verbrechen im „libro de memoria“, das für Monipodio geführt wird.17 Am Ende der Novelle wird Rinconete und Cortadillo schließlich ihre neue Arbeit zugeteilt.18 Diese Details der kriminellen Arbeit der Verbrechergruppe geben ein realistisches Bild des damaligen Lebens in Sevilla, ein entscheidendes Element der Novela picaresca, die dem Leser ein ungeschöntes Bild der damaligen Gesellschaft lieferte. Cervantes zeichnet in seiner Novelle das Bild einer straff geführten Verbrecherorganisation mit besten Kontakten in die Politik, wie der Besuch des „alcalde“ beweist. Monipodio beweist sich als ausgleichender Anführer, wenn er die Konflikte in der Gruppe vermittelt und die Arbeit verteilt, jedoch werden die Verbrechen nicht romantisiert, (wie man dies vielleicht von der 'Zigeunernovelle' La Gitanilla behaupten kann). Gewalt und Brutalität werden realitätsnah geschildert wie z.B. im Fall der Prostituierten, die von ihrem Freier misshandelt wurde.19 Cervantes gelingt es diesen realistischen Elementen einen tragisch-komischen Ton zu geben, wie er sich auch im „Lazarillo" de Tormes“ findet (beispielsweise in den Spitzfindigkeiten Lazaros im Kampf mit dem Hunger [Traktate 1-3] oder in der tragischen Figur des Escudero [Traktat 3]). Dieser Ton prägt die ganze Erzählung im Hause Monipodios, wenn man betrachtet wie gut organisiert das Syndikat dargestellt wird (Einteilung der Arbeit innerhalb der Gruppe, das „libro de memoria“), während der Staat bei vielen seiner Aufgaben versagt (Hungerleiden großer Teile der Bevölkerung). Neben dem unterhaltenden Aspekt, den die Schilderung des Verbrecherlebens für die damaligen Leser gehabt haben muss, kann man große Teile der Episode auch als kritischen Kommentar zur sozialen Realität lesen: für die 'Straßenjungen' Rinconete und Cortadillo, so wie auch für andere große Teile der Bevölkerung, stellte der Staat kein soziales Sicherungssystem bereit, während sie in der Gruppe Monipodios freundlich aufgenommen werden. Ähnlich verhielt es sich mit Lazaro, der oft durch den Hunger zu kriminellen Taten getrieben wurde. Der unterhaltsame Aspekt der Novelle erreicht seinen Höhepunkt in einer Szene, in der die Kriminellen beginnen mit primitiven 'Instrumenten' zu musizieren.20 Neben der Belustigung des Lesers könnte diese Szene aber auch dazu dienen ein differenzierteres Bild der Gruppe zu beschreiben, denn schließlich kann man eine musikalische Person nicht 16 17 18 19 20

Rinconete y Cortadillo, S. 249 Rinconete y Cortadillo, S. 252 Rinconete y Cortadillo, S. 254 Rinconete y Cortadillo, S. 242 Rinconete y Cortadillo, S. 247

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mehr als rein negativ wahrnehmen. Die vermutlich auch mit der Musikszene beabsichtigte Ausdiffernzierung der Charaktere lässt sich in der gesamten Novelle beobachten. Monipodio wird zwar in seiner Physionomie als 'primitiv' dargestellt („el más rústico y disforme bárbaro del mundo“21 „barbaro, rústico y desalmado“22) und daher gelegentlich als Personifikation des Verbrechertums verstanden.23 Einleuchtender erscheint jedoch eine differenzierte Sicht auf den Anführer des Syndikats: Aus den geschilderten Ereignissen ergibt sich eher das Bild eines gerechten und ausgleichenden Anführers und gegenüber Rinconete und Cortadillo verhält er sich nachsichtig und beinahe väterlich. Auch die, offensichtlich oberflächliche, Religiosität der Gruppe widerspricht einer Einordnung der Charaktere als allein negativ und schlecht. In der Novela picaresca stößt man jedoch auf eindeutig negative Figuren, wie z.B. den Ablasshändler oder den geizigen Geistlichen im „Lazarillo". Auch wenn die beiden Hauptfiguren Rinconete und Cortadillo als eindeutig kriminell beschrieben werden fällt ihre Verurteilung dem Leser schwer. Allein ihr junges Alter und ihre Biographie (Flucht vor der Familie, Gefängnisstrafe in Madrid) regen dazu an, Empathie mit beiden zu empfinden. Rinconete zeichnet sich zudem durch seinen Scharfsinn aus: er erkennt die falsche Religiosität der Gruppe, bemerkt die häufigen Versprecher der Kriminellen und macht sich keine Illusionen über den kriminellen Charakter des Syndikats.24 Man kann also feststellen, dass Cervantes seine Hauptfiguren mit einer gewissen Sympathie betrachtet, was die Novelle so auch vom düsteren Ton der Picaroromane abhebt.25 Auch in den Lebensentwürfen der beiden jungen Männer ergeben sich Unterschiede zur Novela picareca: Während der Determinismus der Novela picareca den Lebensweg der Figuren bestimmt, versuchen Rinconete und Cortadillo ihr Schicksal selbst zu bestimmen: Sie verlassen ihre Familie aus eigenem Antrieb und entschließen sich ihr Glück in Sevilla zu versuchen. Dieser starke freie Wille der Figuren verbindet sie mit anderen Figuren aus Cervantes Novellenzyklus und hebt sie zugleich von den meisten Picarofiguren ab.26 Auch das Ende der Novelle bestätigt die Entschlusskraft der jungen Männer und damit die 21 Rinconete y Cortadillo, S. 226 22 Rinconete y Cortadillo, S. 257 23 Ryan Schmitz: The great Chain of Being and Human Transformation in Cervantes' Novelas Ejemplares; in: eHumanista: Volume 20, 2012, S. 515 24 Rinconete y Cortadillo, S. 256-257 25 José Antonio Calzón García: El Lazarillo a ojos de Cervantes – reformulaciones del molde picaresco en Rinconete y Cortadillo; in: Lemir - Revista de Literatura Española Medieval y del Renacimiento, 2016, S. 490; Gustavo Alfaro: Cervantes y la novela picaresca; in: Anales Cervantinos, Januar 1971, S. 29 26 David A. Boruchoff: Free Will, the Picaresque, and the Exemplarity of Cervantes's Novelas Ejemplares; in: John Hopkins University Press, MLN, Vol. 124, No. 2, Hispanic Issue, März 2009, S. 376-378

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Differenz zum Picaroroman, denn Rinconete behauptet dort sich nicht für lange Zeit der Gruppe anschließen zu wollen, da er deren kriminellen Charakter erkannt habe. Die differenzierte Bewertung der Figuren bei Cervantes mag auch mit dem fehlenden moralischen Impetus der Novelle zusammenhängen, wodurch diese sich entscheidend von der klassischen Novela picaresca abhebt. Während das Schuldbekenntnis des Picaros entscheidender Bestandteil der Gattung ist, fehlt dieses bei „Rinconete und Cortadillo“. Erst In den letzten Zeilen der Novelle gibt es eine Bewertung der Geschehnisse aus Sicht Rinconetes, der die kriminelle Energie der Gruppe erkennt („gente perniciosa y tan contraria a la misma naturaleza“27), was die beiden jungen Männer jedoch nicht davon abhält, sich aus pragmatischen Erwägungen der Gruppe anzuschließen. Auch der Erzähler kommentiert die Geschehnisse nicht direkt, denn er schaltet sich in der ganzen Episode im Hause Monipodios nicht ein.

2.2.2. Einflüsse auf formaler Ebene Neben inhaltlichen lassen sich auch klare formale Bezüge zur Novela picaresca in Cervantes Novelle aufweisen. Dies wird schon allein dadurch deutlich, dass Rinconete und Cortadillo als wörtlich als „picaros“ bezeichnet werden.28 Des weiteren wird die Sprache der Ganoven und der Unterschicht aufgenommen, wie dies auch in den Picaroromanen üblich war. Ein Beispiel sind die zahlreichen 'Versprecher' der handelnden Personen.29 Gleich das erste Treffen der Hauptfiguren auf den ersten Seiten markiert jedoch auch einen entscheidenden Unterschied zur klassischen Novela picaresca: die Erzähl- und Figurenkonstellation von Cervantes' Novelle hebt sich fundamental vom Picaroroman ab.30 Durch den „Lazarillo de Tormes“ wurde die Figur des Ich-Erzählers als entscheidender Bestandteil der Gattung definiert. Cervantes folgt diesem Schema nicht und führt einen außenstehenden Erzähler ein, der vom Treffen der beiden jungen Männer berichtet: „un día de los calurosos del verano se hallaron en ella acaso dos muchachos“31 Der Erzähler nimmt 27 Rinconete y Cortadillo, S. 257 28 Rinconete y Cortadillo, S. 213 29 Rinconete kommentiert einige von diesen sprachlichen Fehlern am Ende der Novelle. Rinconete y Cortadillo, S. 256 30 Calzón García, S. 490; Gabriela Villanueva Noriega: El narrador y la mirada en las Novelas Ejemplares,; in: Aurelio Gonzales, Nieves Rodriguez Valle (Hrsg.): Las novelas ejemplares: texto y contexto 16132013, Mexico DF 2015, S. 87 31 Rinconete y Cortadillo, S. 205

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sich aber zurück und so wird der erste Teil der Novelle32 schnell zum Dialog der beiden picaros, eine unbekannte Erzählform für die Novela picaresca, die nur eine Hauptfigur kennt.33 Mit dem Eintreten in das Haus des Monipodio ändert sich die Erzählform erneut: Rinconete und Cortadillo werden hier fast stumme Beobachter des Auftretens unterschiedlicher Figuren des Verbrechersynidaktes. Diese Perspektive aus Sich der jungen Picaronovizen unterscheidet die Novelle von der klassischen Picaroperspektive des wissenden Ich-Erzählers und vermittelt einen anderen Eindruck, da der Leser wie die Protagonisten von den Ereignissen überrascht wird.34 Da sich der Erzähler auch hier mit direkten Eingriffen zurücknimmt und der Leser wie die beiden jungen Kriminellen eine beobachtende Perspektive einnimmt, weist diese Szene formal Gemeinsamkeiten mit Formen des Theaters auf.35 Mit dem Ende der Versammlung im Hause des Clanführers endet auch die Novelle recht abrupt. Cervantes erzählt somit nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben der jungen Männer, ein struktureller Unterschied zur Novela picaresca, in der das gesamte Leben der Hauptfigur abgedeckt wird. Der Erzähler deutet jedoch an, dass es weitere Geschichten aus dem Leben der beiden und des Verbrecherkartells geben wird.36 Es wird jedoch offengelassen, ob den beiden Protagonisten der beabsichtigte Ausstieg aus den kriminellen Strukturen gelingt. Wie schon bei der Beurteilung des kriminellen Handels wird ein Freiraum für den Leser eröffnet.37 Für den Wechsel der Erzählperspektive in Cervantes' Novelle bieten sich unterschiedliche Motive an: Die klassische Picaroerzählung leidet an einem Glaubwürdigkeitsproblem, da hier der Picaro seinen eigenen Lebensbericht verfasst. Bei der geringen Bildung der Personen aus der sozialen Unterschicht, erscheint es jedoch wenig wahrscheinlich, dass diese zu so einem Bericht in der Lage gewesen wären. Durch die außenstehende Erzählperson, den Dialog der Picaros und die „Theatererzählung“ des Verbrechertreffens entgeht Cervantes diesem Problem. Ein weiter Grund für den Wechsel der Erzählformate könnte stilistischer Natur sein. Wie auch in den anderen Novellen der Sammlung bemüht sich Cervantes in „Rinconete y Cortadillo“ um den häufigen Wechsel von Perspektiven und Blickwinkeln.38 In „Rinconete und Cortadillo“ ist dieser Perspektivwechsel und die 32 33 34 35 36 37 38

Rinconete y Cortadillo, S. 205-220 Calzón García, S. 490 Neuschäfer, S. 149 Calzón García, S. 481 Rinconete y Cortadillo, S. 257 Calzón García, S. 490 Calzón García 490, Villanueva Noriega, S. 88-89

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Struktur der Novelle im Vergleich zu anderen Novellen noch recht wenig komplex gestaltet, da sich fast die gesamte Handlung im Hause Monipodios in der beobachtenden Perspektive von RC abspielt.39

3. „Rinconete und Cortadillo“ innerhalb des Novellenzyklus Die Novelle „Rinconete und Cortadillo“ erschien 1613 innerhalb der Sammlung der Novelas ejemplares, ein genaues Entstehungsdatum der einzelnen Novellen ist jedoch nicht gesichert, weshalb spekuliert wird, ob die Novellen ursprünglich nicht als Zyklus geplant waren.40 Überzeugende Argumente sprechen jedoch für den Zusammenhang der Novellen untereinander und deren Betrachtung als Gesamtwerk. Trotz aller Unterschiedlichkeit auf formaler Ebene gleichen sich die Novellen dadurch, dass sich alle durch die Bemühung Cervantes' auszeichnen eine Vielzahl an Erzählebenen und -formen zu entwickeln.41 Viele Geschichten werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, um Blickwinkel zu öffnen.42 Wie dies Cervantes in „Rinconete und Cortadillo“ gelingt, und er damit das Schema der Novela picaresca bricht, wurde in dieser Arbeit gezeigt. Komplexestes Beispiel innerhalb der Sammlung ist wohl „El coloquio de los perros“, weshalb auch vermutet wird, dass diese Novelle aus diesem Grund am Ende der Sammlung steht.43 Da sich Teile dieser letzten Novelle der Sammlung wieder in der Unterwelt Sevillas abspielen, findet auch der Clanführer Monipodio wieder Erwähnung, was Zugleich als Hinweis Cervantes' verstanden werden kann, die Novellen auch als Gesamtwerk zu verstehen.44 Wenn der Leser diesem Hinweis nachkommt, eröffnet sich ihm ein weites Panorama literarischer Themen und Formen, denn Cervantes greift nicht nur die Novela picaresca in seinen Novellen auf, sondern beispielsweise auch Aspekte der klassischen Novelle, des entremés, des Exotismus und vor allem die Liebesthematik. Im Falle der Novela picareca werden Aspekte dieser Gattung in neuer Form aufgenommen, so dass man die 39 Calzón García, S. 479 40 Calzón García, S. 479: Calzón García spekuliert, dass die Novelle vielleicht als Teil des Don Quijote geplant war. 41 Alban K. Forcione: Cervantes and the humanist vision – A study of 4 exemplary novels, Princeton University Press, Princeton 1982, S. 24, 27-28 42 Villanueva Noriega, S. 88 43 Villanueva Noriega, S. 85 44 Miguel de Cervantes Saavedra: El coloquio de los perros; in: Miguel de Cervantes Saavedra, Harry Sieber (Hrsg.): Novelas Ejemplares II, Madrid 2016, S. 360; Villanueva Noriega, S. 89; Forcione, S. 22

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cervantinischen Novellen auch als Kommentar zur Picarogattung verstehen kann.45 Trotz der großen inhaltlichen Bandbreite der Novellen fallen auch auf dieser Ebene Gemeinsamkeiten auf, vor allem beim Blick auf die Protagonisten der Novellen. Denn obwohl zahlreiche moralische und strafrechtliche Vergehen beschrieben (Vergewaltigung, Ehebruch, Raub, u.a.) werden, hält sich der Autor, wie im Falle „Rinconete und Cortadillo“ oben beschrieben, mit direkten Verurteilungen zurück oder bricht sogar Erwartungen („La Gitanilla“: die Freiheit des 'Zigeunerlebens', „El celoso extremeno“: die Mitschuld des Ehemanns, „El coloquio de los perros“: die Schafe raubenden Schäfer).46 Die Novellen werfen so einen subtilen Blick auf gesellschaftliche Zustände der Zeit (beispielsweise das Leben der sozialen Unterschicht und in vielen Novellen besonders das problematisches Konzept der Ehre und die Rolle der Frau: la fuerza de la sangre, el celoso extremeño und ebenso la Gitanilla), ohne diese jedoch direkt anzuprangern und so auch in Konflikt mit der Zensur zu geraten.47 In dieser Komplexität der Figuren, der Wertekonflikte und der damit verbundenen Urteile mag sich die humanistische Dimension von Cervantes' Werk zeigen.48 Der exemplarische Charakter von Cervantes' Novelas Ejemplares wurde wiederholt in Frage gestellt49, doch mag gerade in den starken Persönlichkeiten seiner Novellen, die in komplexen Situationen freie und unkonevntionelle Entscheidungen fällen, dieser exemplarische Charakter des Novellenzyklus liegen.50

4. Konklusion Wie diese Arbeit gezeigt hat, hat Cervantes in „Rinconete und Cortadillo“ zentrale inhaltliche und formale Elemente der Novela picaresca aufgenommen (eine Geschichte aus der kriminellen sozialen Unterschicht, ironische und komische Elemente als Kommentar zur sozialen Realität), jedoch keine Adaption eines Picaroromans verfasst, da seine Novelle 45 Calzón García, S. 484 46 Neuschäfer S. 147-148 47 Forcione, S. 23, Emiliano Gopar Osorio: Juegos irónicos del narrador en las Novelas Ejemplares; in: Aurelio Gonzales, Nieves Rodriguez Valle (Hrsg.): Las novelas ejemplares: texto y contexto 1613-2013, Mexico DF 2015, S. 101 48 Cervantes war zweifelsohne von humanistischen Ideen geprägt. Wie weit diese auch sein literarisches Schaffen beeinflusst haben, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Schmitz, S. 511; Forccione, S. 310, 17-19, 27-29 49 Forcione, S. 3-6 50 Boruchoff, S. 376, Forcione, S. 67:

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in entscheidendes Fragen von Grundelementen des Picaroromans abweicht (Fehlen eines Ich-Erzählers, fehlendes Sündenbekenntnis des Picaros). Somit kann die Novelle viel eher als Kommentar des populären Genres gelesen werden, da den meisten Lesern der damaligen Zeit die Hauptwerke der Picaroromans geläufig gewesen sein dürften. Die Novellen sind jedoch keine rein formale Kunst: aus der Beschreibung der kriminellen Unterwelt Sevillas und der sozialen Misere der beiden jungen Männer ergibt sich nicht nur ein Bild der damaligen Zeit, sondern es lassen sich auch Parallelen zu aktuellen Problemen herauslesen. Und da Cervantes auf den moralischen Impetus des klassischen Picaroromans verzichtet hat, vermittelt die Novelle weniger eine damalige Doktrin, sondern aktiviert vielmehr den Leser.51 Eine Beurteilung der jungen Protagonisten, ein Aktualitätsbezug oder ein Zusammenhang mit anderen Novellen muss der Leser selbst konstruieren. Diese Offenheit des Textes lässt ihn auch heute interessant erscheinen.52

5. Literatur Gustavo Alfaro: Cervantes y la novela picaresca; in: Anales Cervantinos, Januar 1971, S. 23-31 David A. Boruchoff: Free Will, the Picaresque, and the Exemplarity of Cervantes's Novelas Ejemplares; in: John Hopkins University Press, MLN, Vol. 124, No. 2, Hispanic Issue, März 2009, S. 372-403 José Antonio Calzón García: El Lazarillo a ojos de Cervantes – reformulaciones del molde picaresco en Rinconete y Cortadillo; in: Lemir - Revista de Literatura Española Medieval y del Renacimiento, 2016, S. 477-491 Miguel de Cervantes Saavedra: Don Quijote de la Mancha, Real Academia Española (Hrsg.), Madrid 2004 Miguel de Cervantes Saavedra: El coloquio de los perros; in: Miguel de Cervantes Saavedra, Harry Sieber (Hrsg.): Novelas Ejemplares II, Madrid 2016, S. 325-394 51 Forcione, S. 29 52 Calzón García, S. 491; Forcione, S. 9, 27; Gopar Osorio, S. 116

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Miguel de Cervantes Saavedra: Rinconete y Cortadillo; in: Miguel de Cervantes Saavedra, Harry Sieber (Hrsg.): Novelas Ejemplares I, Madrid 2016, S. 203-259 Alban K. Forcione: Cervantes and the humanist vision – A study of 4 exemplary novels, Princeton University Press, Princeton 1982 Edward H. Friedman: Cervantes in the Middle: Realism and Reality in the Spanish Novel from Lazarillo de Tormes to Niebla, Newark 2006 Aurelio Gonzales, Nieves Rodriguez Valle (Hrsg.): Las novelas ejemplares: texto y contexto 1613-2013, Mexico DF 2015 Emiliano Gopar Osorio: Juegos irónicos del narrador en las Novelas Ejemplares; in: Aurelio Gonzales, Nieves Rodriguez Valle (Hrsg.): Las novelas ejemplares: texto y contexto 1613-2013, Mexico DF 2015, S. 101-117 Hartmut Köhler (Hrsg.): Lazarillo de Tormes, Stuttgart 2006 Hartmut Köhler: Nachwort, S. 179-195; in: Hartmut Köhler (Hrsg.): Lazarillo de Tormes, Stuttgart 2006 Joachim Küpper: Die novelas intercaladas in Cervantes' Quijote; in: Romanistisches Jahrbuch, Januar 2001, Vol.52, S. 387-395 Jesús G. Maestro (Hrsg.): Cervantes y la filosofía – interpretaciones filosoficas de la literatura cervantina, Vigo 2018 Hans-Jörg Neuschäfer (Hrsg.): Spanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2011 Ruth El Saffar: Cervantes - El Casamiento Engañoso and El Coloquio de los Perros, London 1976

Ryan Schmitz: The great Chain of Being and Human Transformation in Cervantes' Novelas Ejemplares; in: eHumanista: Volume 20, 2012, S. 511-519

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Gabriela Villanueva Noriega: El narrador y la mirada en las Novelas Ejemplares,; in: Aurelio Gonzales, Nieves Rodriguez Valle (Hrsg.): Las novelas ejemplares: texto y contexto 1613-2013, Mexico DF 2015, S. 85-101

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